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Die Geiss AG ist der größte Handwerksbetrieb im Coburger Land.

 

 

Von der Schmiede zur Weltfirma

Die Geiss AG ist der größte Handwerksbetrieb im Coburger Land. Für ihre Lebensleistung wurden die ehemaligen Vorstände Manfred und Klara Geiß nun geehrt.

Von Bettina Knauth

Seßlach – Wer durchs ländlich geprägte Seßlach fährt, ahnt es nicht: Am Rande der historischen Altstadt befindet sich im Industriegebiet mit der Geiss AG ein Weltmarktführer. Hier werden im Jahr unter Einsatz modernster Technik rund hundert Maschinen produziert und entwickelt, überwiegend Thermoform-Maschinen, aber auch CNC-gesteuerte Fräsmaschinen und Schneidanlagen zur Nachbearbeitung. Luftpolstersohlen für Sportschuhe, Hartschalenkoffer, Skiboxen und Rückseiten von Flugzeugsitze etwa lassen die Marktführer auf Maschinen aus dem Hause Geiss produzieren.

 

Ende September schieden die beiden Vorstände Manfred Geiß und seine Frau Klara nach 47 bzw. 58 Jahren aus dem Unternehmen aus. Für ihre Lebensleistung wurde das Ehepaar am Mittwoch geehrt. Kreishandwerksmeister Jens Beland überreichte beiden Ehrenurkunden in Gold. Trotz eines Jahresumsatzes von über 32 Millionen Euro und 160 Mitarbeitern sei die Geiss AG immer noch ein Handwerksbetrieb, obendrein der größte im Coburger Land, betonte Beland. Wer von der Wirtschaftsregion rede, dürfe nicht nur die großen Industrieunternehmen, sondern auch „hidden champions“ wie Geiss „auf dem Schirm haben“, fügte er hinzu.

 

„Ich würde meinen Hut ziehen, wenn ich einen aufhätte“, bekundete Bürgermeister Maximilian Neeb seinen „wahnsinnigen Respekt“ vor dem Lebenswerk der Geehrten. Er dankte den Scheidenden für ihren Einsatz sowohl für ihren Betrieb und ihre Mitarbeiter als auch für die Stadt Seßlach, als Gewerbesteuerzahler wie Sponsor und als sozial stark Engagierte. Bei der Entwicklung „vom Handziehwagen zur Weltfirma“ hätten Manfred und Klara nie abgehoben oder ihre Wurzeln vergessen, lobte MdL Martin Mittag, „das ist nicht selbstverständlich“. In vorbildlicher Weise sorgten sich die Unternehmer um ihre Mitarbeiter, boten sichere Arbeitsplätze und unterstützten deren Familien, betonten beide. Viel Wert legt das Unternehmen auf die Gewinnung von Nachwuchs: Aktuell werden 21 Feinwerksmechaniker, Elektroniker und Mechatroniker für die hoch speziellen Tätigkeiten im Hause ausgebildet. Landrat Sebastian Straubel zeigte sich „tief beeindruckt“ und zollte dem „Dreamteam“ aus technischem Leiter und kaufmännischer Leiterin seinen „tief empfundenen Respekt“. Ihnen sei die Kombination aus innovativem Unternehmen und inhabergeführten Familienbetrieb vorbildlich gelungen. Am „modernen Industrie-Landkreis“ habe das Ehepaar Geiß „ganz entscheidenden Anteil“.

 

Die Grundlagen für den Erfolg der Firma legten beide als „Triumvirat“ gemeinsam mit Manfred Geiß‘ Vater und Vorbild Georg. Der Schreinermeister gründete am 1. Dezember 1948 die Firma. Frühzeitig erkannte der „Tüftler“ das Potenzial von Kunststoff und präsentierte seine neuartigen Thermoform-Maschinen auf Messen. „Wir waren ein fantastisches Team“, fasste der Sohn am Dienstag die 18 gemeinsamen Jahre zusammen. Wegen Bundeswehr und Maschinenbau-Studium trat Manfred Geiß erst elf Jahre nach seiner Frau ins Unternehmen ein.

 

Die Verantwortung bei Geiss liegt nun in den Händen von Klaus-Peter Welsch und Wolfgang Daum. Der IT-Spezialist Welsch war bereits im Vorstand des Unternehmens seiner Schwiegereltern vertreten. Daum, gelernter Industriemechaniker und Maschinenbauingenieur, gehört Geiss seit 37 Jahren an. Zusammen bringen es die neuen Vorstände auf 54 Jahre Betriebszugehörigkeit. Alle Laudatoren wünschten den beiden ein glückliches Händchen beim Fortschreiben der Erfolgsgeschichte, im Sinne der Unternehmerfamilie Geiß.

 

Wie Geiss von Seßlach aus die Welt erobern konnte, wollte Wirtschaftsförderer Martin Schmitz beim anschließenden Rundgang wissen. Von den Mitarbeitern höre er immer wieder, wie stolz sie auf „ihr“ Unternehmen seien, fügte er hinzu. Das Geheimnis liegt in der individuellen Konfigurierung jeder Maschine, antwortete ihm Daum. Wenn ein Vertreter lediglich den Preis für eine bestimmte Maschinengröße wissen wolle, werde es schwierig. Der Kunde müsse den Vorteil der auf ihn allein zugeschnittenen Lösung schätzen lernen. Ein Vorteil: „Unsere Maschinen sorgen dafür, dass die Firmen möglichst wenig Ausschuss produzieren“, sagte der Neu-Vorstand, „denn wir können jede Maschine so spezifizieren, dass sie für den Kunden genau passt“. Dass sie die teuersten Maschinen bauen, verhehlte Manfred Geiß nicht. Dennoch: „Die Kunden lieben unsere Qualität.“ Mit Genugtuung erfüllt den 73-Jährigen, wenn er zu hören bekommt: „Diese Produkte können nur auf Geiss-Maschinen hergestellt worden sein.“

 

Dass die Unikate so passgenau produziert werden können, ermöglicht ein Software-Programm fürs individuelle Fräsen, Schweißen, Lasern und Drehen. Getreu dem Motto „One step ahead“ („Ein Schritt voraus“) ist das Unternehmen dazu stets auf der Suche nach der neuesten Produktionstechnik. „Wir haben immer die modernste Fertigungseinheit, die der Markt bietet“, sagte der Ex-Vorstand, „wenn es etwas Neues gibt, tauschen wir das Alte aus.“ Auch werde alles, was nicht Standard ist, im Hause selbst gebaut. Die frühe Entscheidung für dieses „Insourcing“ garantiert laut Daum „höchstmögliche Flexibilität“. Stolz ist Geiß auf die Liefertreue. Da selbst größte Maschinen in nur drei bis sechs Wochen gefertigt werden, komme es nie zu Verzögerungen: „Es ist alles eine Frage der Organisation: Es gilt zur richtigen Zeit das richtige Teil am richtigen Ort zu haben.“ Oft dauere der Transport länger als die Produktion, bestätigte er.

 

Geiß‘ Credo lautet: „Wer keinen Plan hat, ob kurz- oder mittelfristig, der wird sich irgendwann verlaufen.“ Und so verlief nun auch die Firmenübergabe an den Schwiegersohn Welsch und den langjährigen Mitarbeiter Daum nach Plan, obwohl gerade Klara Geiß nach 58 Jahren der Abschied nicht leicht fiel. Geiß fungiert nun als Aufsichtsratsvorsitzender, auch seine Tochter Barbara gehört dem Gremium an. Dem Unternehmen möchte das Ehepaar als Mitarbeiter ebenso treu bleiben wie der Stadt Seßlach, privat wie als Vertreter der Firma, versicherte Geiß. Auch Straubel hoffte, dass beide mit ihrer „herrlich unkonventionellen Art“ weiterhin aktiv bleiben.

 

Zitat:

„Wir haben uns abgearbeitet, nicht aufgearbeitet.“

Manfred Geiß